Afrikas letzte Kolonie: Die Frage der Westsahara

Afrikas letzte Kolonie: Die Frage der Westsahara

Nach 33 Jahren wurde das Königreich Marokko wieder in die Afrikanische Union (AU) aufgenommen. Aus Protest gegen die Aufnahme der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) war Marokko 1984 aus der Vorgängerorganisation OAU ausgetreten. Intensive Diplomatie ermöglichte nun die Wiederaufnahme, im Konflikt um das Gebiet der Westsahara ist eine Lösung jedoch noch immer nicht absehbar.

Im Sommer 2016 verkündete König Mohammed VI., dass Marokko „seinen natürlichen Platz“ in der „Familie“ der afrikanischen Staaten wieder einnehmen wolle. Nachdrückliche diplomatische Lobbyarbeit führte schließlich dazu, dass sich beim AU-Gipfel Ende Januar in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba die eindeutige Mehrheit der 54 Mitgliedsstaaten für die Wiederaufnahme Marokkos aussprach. Dennoch zeigten einige Staaten erheblichen Widerstand und forderten die Einberufung einer Kommission, um zu prüfen, ob die Mitgliedschaft Marokkos nicht gegen die AU-Gründungsakte verstoße.

Streitpunkt ist das Gebiet der Westsahara an der Atlantikküste Nordwestafrikas mit den Nachbarn Marokko, Algerien und Mauretanien. Als Marokko 1975 nach dem Rückzug der spanischen Kolonialmacht das Gebiet für sich beanspruchte, obwohl der Internationale Gerichtshof der indigenen sahrauischen Bevölkerung das Recht auf Selbstbestimmung für die Zukunft der Westsahara zugesprochen hatte, reagierte die internationale Gemeinschaft schockiert. Übernahm Marokko doch mit der Besetzung des Gebiets de facto die Rolle Spaniens, machte die Westsahara zur letzten Kolonie Afrikas und löste einen verheerenden Krieg mit der von Algerien unterstützten Polisario- Front zur Befreiung der Westsahara aus. Die Polisario-Front gilt als Repräsentant der sahrauischen Bevölkerung, allerdings wird die 1976 von ihnen ausgerufene Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) nur von einigen wenigen VN-Staaten anerkannt.

Das Interesse Marokkos? Reiche Fischbestände, die weltweit größten Phosphatvorkommen und die erheblichen Ölreserven der Westsahara machen das Gebiet attraktiv für das Königreich. Die Rohstoffe fördern Marokkos Arbeitsmarkt, seine Anteile am Weltphosphatmarkt und könnten auch die Abhängigkeit von Ölimporten reduzieren. Marokko verfügt über das Gebiet, als sei es Teil des Königreichs. Die sahrauische Bevölkerung, die westlich des 2500 Kilometer langen Sandwalls lebt, hingegen spürt kein Wirtschaftswachstum, sondern vielmehr Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und den Rückfluss wirtschaftlicher Gewinne nach Marokko.

Die Gegner der Wiederaufnahme Marokkos, insbesondere Algerien, Südafrika und Simbabwe, sind seit ihrer Anerkennung der DARS vehemente Unterstützer einer unabhängigen Westsahara. Außerdem wird Algerien in dem Konflikt als Akteur mit dem eigenpolitischen Interesse, die Expansion und den regionalen Einfluss Marokkos zu begrenzen, gesehen. Seit Beginn des Konflikts unterstützt Algerien die Polisario-Kräfte militärisch und finanziell. Auch humanitäre Hilfe leistet Marokkos Nachbarstaat. Die Flüchtlingslager im Südwesten Algeriens bei Tindouf beherbergen nach Schätzungen des UNHCR ungefähr 90 000 Menschen.

Die Wiederaufnahme Marokkos trägt zweifellos große symbolische Bedeutung für die Zukunft des afrikanischen Kontinents. Für die Westsaharafrage ist sie jedoch problematisch. Die mehrheitliche Entscheidung zugunsten Marokkos und das Ausbleiben einer vorangegangenen Diskussion über den Status der Westsahara könnten Marokkos Präsenz in der Westsahara unterstützen und eine diplomatische Lösung in noch weitere Ferne rücken. Seit dem Waffenstillstand 1991 sind zahlreiche Diskussionen über ein Referendum in der Westsahara gescheitert. Zwar rief der Sprecher der Polisario-Front zu neuen Gesprächen auf und verkündete, diese würden nun auf Augenhöhe verlaufen, allerdings ist für Marokko eine Unabhängigkeit ausgeschlossen. Zu groß sind die wirtschaftlichen Erträge, die für das Königreich auf dem Spiel stehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der April-Ausgabe des Diplomatischen Magazins.

© Titelbild: Ammar Hassan (flickr.com) 
Joana Westphal