„Common Remembrance, Future Relations“: Ein Austauschprogramm zu Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung

„Common Remembrance, Future Relations“: Ein Austauschprogramm zu Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung

Historische Erfahrungen von Leid, Unrecht, Verfolgung und massiver Gewalt sind wesentlich für die Konstruktion von Identität und beeinflussen soziale und politische Beziehungen. Mit dem Projekt „Common Remembrance, Future Relations“ brachte IFAIR e. V. in Kooperation mit der NGO Armenian Progressive Youth (APY) unter Schirmherrschaft des Staatsministers für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth, zwanzig NGOs aus Armenien, Deutschland, Frankreich, Israel und der Türkei im armenischen Eriwan zusammen, um Formen des gesellschaftlichen Erinnerns zu erkunden und den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen zu fördern.

Formen des Gedenkens und Aufarbeitens, aber auch des Verdrängens und Unterdrückens von Erinnerung prägen die Gesellschaften Armeniens, Deutschlands, Frankreichs, Israels und der Türkei. Diese Erinnerungskulturen sind miteinander verbunden, widerstreiten sich stellenweise und bringen unterschiedliche gesellschaftliche Selbst- und Fremdwahrnehmungen hervor, die wiederum konfliktreiche Beziehungen auf zwischenstaatlicher Ebene bedingen können. Praktiken des Gedenkens, diskursive Aushandlungen über die „wahre“ Geschichte und historische Legitimation aktueller Politik stellen das kollektive Gedächtnis immer wieder neu her. Der Dialog und Erfahrungsaustausch zivilgesellschaftlicher Akteure, die versuchen, Feindbilder abzubauen und Erinnerungskulturen umzugestalten, tragen dazu bei, Ansätze für Versöhnung und Kooperation zu eröffnen.

Der Auftaktworkshop in Eriwan bot ein abwechslungsreiches, interaktives Programm mit einer Vielzahl von Expertengesprächen, Diskussionsrunden und Besuchen. Dafür setzten die anregenden Gespräche zum Thema Vergangenheit und kulturelles Gedächtnis sowie zu Erinnerungskultur und Versöhnung einen wertvollen theoretischen Rahmen für die Tagung. Besonders spannend und lehrreich waren die dynamischen Diskussionen in Kleingruppen. Dabei besprachen die engagierten TeilnehmerInnen die Rolle von Erinnerung in den jeweiligen Ländern und ihre Auswirkungen auf innen- und außenpolitische Entscheidungen sowie die Handlungsmöglichkeiten und den Einfluss von NGOs auf Erinnerungskulturen und Versöhnung. Durch die Exkursion zur Tsitsernakaberd-Gedenkstätte und den Orten Geghard und Garni wurde das Thema Erinnerung darüber hinaus am armenischen Beispiel veranschaulicht.

Da der Fokus insbesondere auf dem gegenseitigen Austausch über Erfahrungen zur Arbeit im zivilgesellschaftlichen Sektor und Ideen für wirkungsvolle Kooperationen lag, gewährte ein Vortrag zu länderübergreifenden Projekten aufschlussreiche Informationen und Best-Practices für die zukünftigen Projekte der TeilnehmerInnen. Der letzte Tag des Seminars war schließlich darauf ausgerichtet, einen Kooperationspartner zu finden, ein gemeinsames Konzept zu entwerfen und die zweite Phase des Projekts, die Hospitation, vorzubereiten.

Bis Ende August werden die TeilnehmerInnen eine gegenseitige, einwöchige Hospitation bei ihrer Partnerorganisation absolvieren. Diese dient dazu, einen Einblick in deren Arbeit und Methodik zu bekommen und das gemeinsame Projekt inhaltlich sowie organisatorisch weiterzuentwickeln. Abschließend wird vom 7. bis 10. September 2017 das Evaluationstreffen in Berlin stattfinden. Dabei stehen dann der Austausch über die Hospitation und Herausforderungen der Projektplanung sowie die Vorstellung der Projekte und Workshops zum Projektmangement im Vordergrund.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Juli-Ausgabe des Diplomatischen Magazins.

© Titelbild: Joana Westphal
Joana Westphal

Joana Westphal leitet den Bereich „Nahost & Nordafrika“ und ist Mitglied der Impact Group „Common Remembrance, Future Relations“. Joana hat bis 2016 Arabisch und Internationale Beziehungen an der University of St Andrews studiert. Ein Schwerpunkt ihres Studiums war die Entwicklung und Ideologie des „Islamischen Staats im Irak und Syrien“ (ISIS). Während ihres Studiums engagierte sie sich bei der St Andrews Coexistence Initiative, wo sie sich für interreligiösen Dialog und Verständigung im Rahmen von Diskussionsrunden und Konferenzen zu Themen an der Schnittstelle Politik, Gesellschaft und Religion einsetzte. Erste Arbeitserfahrung sammelte sie durch Praktika im Regionalprogramm Golf-Staaten der Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman, der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York und dem Europäischen Parlament in Brüssel. Joana spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch und Spanisch.