Der Iran-Deal versetzt die internationale Energiedynamik in Aufruhr

Der Iran-Deal versetzt die internationale Energiedynamik in Aufruhr

Nach mehr als einem Jahrzehnt der Spannungen und zwei Jahren hitziger Verhandlungen wurde ein bahnbrechendes Atom abkommen zwischen den P5 + 1-Kräften – den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, China und Russland sowie Deutschland – und dem Iran schließlich am 14. Juli 2015 abgeschlossen. Während die komplette Aufhebung der Sanktionen und die Normalisierung der internationalen Beziehungen an die Bedingung geknüpft sind, dass Teheran die Vereinbarung vollständig und wirksam umsetzt, könnte China als Irans aktuell wichtigster Energie-Importeur einer der großen Gewinner des „Joint Comprehensive Plan of Action“ mit der Islamischen Republik sein.

In Anbetracht der Möglichkeiten, die eine iranische Wirtschaftslandschaft nach Aufhebung der Sanktionen bietet, ist dies keine Überraschung. Da das Land über die viertgrößten Ölreserven und die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt verfügt, ist der Iran ein entscheidender Partner für Chinas Erdölimporte und ein potenzielles Tor zum Ausbau von Pekings Macht in einer Region, die für ihren wachsenden Energiehunger entscheidend ist.

Ebenso wie für die westlichen Nationen erhöhten die turbulenten Ereignisse des Jahres 2014 Chinas Bedarf nach einer Diversiizierung seiner größeren Lieferanten; kurz nach Beginn der Ukraine-Krise diente der jähe „Ölpreis-Crash“ von Oktober 2014 als ständige Warnung vor Saudi-Arabiens lang gehegtem Einfluss auf dem internationalen Ölmarkt, eine etwas unbequeme Position für Chinas Saudi-abhängige Ölimporte. Inzwischen wird der aufrüttelnde Gas-Deal zwischen China und Russland im Wert von 400 Milliarden US-Dollar voraussichtlich keine wesentlichen Vorteile vor 2020 liefern, während der Bau der weltweit größten Pipeline zwischen China und Westsibirien, auch als Altai-Route bekannt, auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, weil die chinesische Wirtschaft weiter stottert.

Zweifellos wird die Aufhebung der Sanktionen und die fortschreitende Wiedereinführung des Iran in die globale Dynamik der internationalen Beziehungen dem „öldurstigen“ China einen leichteren Zugang zu den begehrten iranischen Energiereserven gewähren. Selbst wenn die Spannungen zwischen Teheran und Washington ihren Höhepunkt erreicht haben, hat China seine entscheidende Rolle bei der Umstrukturierung und Modernisierung der iranischen Wirtschaft durch massive Investitionen in die Öl- und Gasförderung sowie in die Petrochemie und Pipeline-Infrastruktur des Landes behalten. Da die überwiegende Mehrheit der ausländischen Energieunternehmen vor Jahren gezwungen war, den Iran zu verlassen, und durch die Verschärfung der multilateralen und bilateralen Sanktionen kaum Luft bekamen, genießen Pekings staatliche Unternehmen jetzt einen Erstanbietervorteil im iranischen Energiemarkt.

Inzwischen hat die Dekade unter den Sanktionen den Iran in die Lage gebracht, verzweifelt robuste und moderne Produktions und Export-Ölinfrastrukturen zu benötigen, was ein Geschenk des Himmels für die ambitionierte „Go West“-Strategie der chinesischen Initiative für eine „Neue Seidenstraße“ ist. Aufgrund seiner strategischen Position wird vom Iran erwartet, eine entscheidende Rolle in Chinas ausgedehntem Infrastruktur-Netz zu spielen, das Asien und Europa verbindet.

Genauso wichtig ist, dass das Atomabkommen die notwendigen Impulse für den Abschluss der lange Zeit festgefahrenen Iran-Pakistan-Pipeline geben könnte (bei der China als Teil des Seidenstraße-Projekts involviert ist), die durch die harten internationalen Sanktionen gegen iranische Energieexporte lange blockiert wurde.

Das soll jedoch nicht heißen, dass die westlichen Mächte die Möglichkeit verpasst haben, mit dem Iran wieder Kontakt aufzunehmen. Ganz im Gegenteil: Die europäischen Entscheider haben sehr wohl mitbekommen, dass die Islamische Republik ein alternativer Energielieferant für die gestörten russischen Gasexporte sein könnte. Doch die überlappenden Interessen beider Regionen könnten dazu führen, dass Iran in naher Zukunft zu seinem eigenen Vorteil die EU einfach gegen China oder eine andere Weltmacht ausspielen könnte. Vor diesem Hintergrund gleichzeitiger Chancen und Herausforderungen könnte das Atomabkommen die internationale Energielandschaft neu gestalten und zu einem zunehmenden Wettbewerb zwischen den chinesischen Firmen und westlichen Investoren im iranischen Energiesektor anspornen.

Der Artikel ist Bestandteil von IFAIR’s Kooperation mit dem Diplomatischen Magazin und erschien dort zuerst in der Ausgabe 11/2015.

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© Titelbild: John Kerry in Vienna | U.S. Embassy Vienna (flickr.com)
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