Die zukünftige Rolle Indonesiens in der ASEAN-Gemeinschaft: Primus inter pares oder Südostasiens Führungsmacht?


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Die zukünftige Rolle Indonesiens in der ASEAN-Gemeinschaft: Primus inter pares oder Südostasiens Führungsmacht?

Indonesien gilt als natürliche Führungsmacht der ASEAN. Seine enorme Bevölkerung und die Größe seines BIP geben dazu allen Anlass. Doch ist es aktuell in der Lage, diese Funktion tatsächlich wahrzunehmen?

Seit Entstehung der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) im Jahr 1967 ist Indonesien als bevölkerungsreichster sowie wirtschaftlich größter Mitgliedsstaat ein anerkanntes Zentrum dieses Zusammenschlusses. Dem wurde unter anderem 1976 durch die Verortung des ersten ASEAN-Gipfels auf Bali und des Sekretariats in Jakarta Ausdruck verliehen. Stets spiegelten sich Stabilität und Wandel auf dem Archipel in der gesamten Institution wider. Sein Beitrag war entscheidend bei der Definition sowie der wiederholten Neufindung des institutionellen Selbstverständnisses, zuletzt etwa für die Erarbeitung und Ratifizierung der ASEAN Charta. Andererseits war das Land auch eine der Hauptbühnen der Asienkrise Ende der 1990er und steuerte stets einen großen Teil zur im Westen oft kritisierten konsensorientierten Ergebnislosigkeit, Überbetonung nationaler Souveränität und Talkshop-Tradition der Organisation bei.

Die hinter dem Bedeutungszuwachs Indonesiens stehenden Entwicklungen dürften sich, jedenfalls in absehbarer Zeit, keinesfalls abschwächen, sondern vielmehr noch verstärken. Seine bereits jetzt riesige, junge, zu fast 90% muslimische Bevölkerung wächst weiter, genauso sein Bruttoinlandsprodukt: bis 2030 soll die indonesische je nach Quelle der Schätzung die siebt- oder fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt werden. Auch der Bedeutungszuwachs Asiens insgesamt sowie dortiger maritimer Handels- und Kommunikationswege – Indonesien liegt zwischen Pazifischem und Indischem Ozean direkt an der Straße von Malakka – wird sich wohl noch einige Zeit fortsetzen.

2015 entsteht passend zu diesen Entwicklungen die ASEAN Economic Community mit dem Ziel, einen der größten Märkte für Güter, Dienstleistungen, Investment, Arbeit und Kapital überhaupt zu schaffen. Wiederholte Fortschritte beim Verfolgen hoher Ziele haben die ASEAN-Staaten bereits vorzuweisen. Sie sind sich ihrer Bedeutung füreinander genauso wie der möglichen Rendite eines erfolgreichen Zusammenwachsens zunehmend bewusst.

Allerdings bestehen noch viele Baustellen und bleiben große Hindernisse zu überwinden. Für diese mitverantwortlich sind die enormen Disparitäten unter den Mitgliedern in geographischer, politischer, gesellschaftlicher, aber auch ökonomischer Dimension. Die angestrebte Gemeinschaft soll letztlich immerhin Indonesien (BIP 2012: 878 Mrd. USD) genauso umfassen wie Kambodscha (BIP 2012: 14 Mrd. USD), Laos (BIP 2012: 9 Mrd. USD) und Myanmar – und in keinem dieser Staaten findet sich ein entwickeltes Wirtschaftssystem. Selbst Indonesien als die mit Abstand größte Volkswirtschaft Südostasiens leidet noch an einer stark rohstoffbasierten Struktur. Die Wertschöpfung ist gering, Exportschwerpunkte bilden die natürlichen Ressourcenreichtümer des Landes, die beispielsweise im Forstbereich zur Ausfuhr maßlos ausgebeutet werden. Steigende Importe werden in diesem Jahr dennoch voraussichtlich ein Rekorddefizit in der Handelsbilanz verursachen. Die Nachhaltigkeit des aktuellen Wachstums wird auch deshalb von vielen Seiten in Frage gestellt. Es besteht dringender Bedarf an ordnungspolitischen Reformmaßnahmen.

Ungeachtet dessen pflegt das Land ein wachsendes außenpolitisches Selbstbewusstsein. Durch stärkeres Engagement via ASEAN, Vereinte Nationen und vor allem G20 versucht es, gemäß seinem traditionellen Leitsatz, „unabhängig und aktiv“, mehr und mehr eine globale Rolle zu spielen. Angesichts interner Konflikte sowie offener Grenzfragen müsste es aber auch sicherheitspolitisch noch sprichwörtlich vor der eigenen Haustür kehren. Erst recht wird die hohe Anzahl anhaltender Spannungen beim Blick in die Nachbarschaft deutlich; Ruhe herrscht vielerorts nur auf Basis vorübergehender Duldung des status quo. Entsprechend ist die potentielle Regionalmacht Indonesien zum Beispiel im Südchinesischen Meer bemüht, zwischen China und den übrigen Parteien zu vermitteln – mit gemischter Bilanz.

Besorgniserregende Tendenzen innerhalb Indonesiens erschweren allerdings ein internationales Engagement des Landes und stellen sein Potential als regionaler Stabilitätsanker in Frage. Religiöse Konflikte, speziell islamistische außerparlamentarische Bewegungen, ein unterentwickeltes Parteiensystem, erneut zunehmend grassierende Korruption und weitere Dysfunktionalitäten eines überwiegend ineffizienten Staatsapparats gefährden die Konsolidierung der jungen Demokratie.

Selbst ungeachtet der fraglichen Akzeptanz der übrigen ASEAN-Staaten (followership), der Konkurrenz durch China, eventuell Japan sowie der Rolle der USA, scheint das Land zwar nach wie vor in solcher Richtung ambitioniert, aber mit der Übernahme einer regionalen Führungsfunktion derzeit vor eine übergroße Aufgabe gestellt.

von Thomas Tartemann.

Der Autor hat ein intensives Studium Ostasiens mit einem Fokus auf Internationale Beziehungen, Regionalismus und Japan absolviert und arbeitet derzeit für einen Think Tank in Tokyo.

Lies auch die anderen Beiträge zu Indonesiens regionaler und globaler Rolle von [Kilian Spandler] und [Felix Sharief].

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