Hoffen auf „Regen“ – Dürrezeit für unabhängige Medien in Russland


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Hoffen auf „Regen“ – Dürrezeit für unabhängige Medien in Russland

Angefangen als kleiner, alternativer Fernsehkanal, der sich eher als neutral und „Informations – analysierend“ denn einfach nur streng oppositionell bezeichnete, hat sich Dozschdj (Russisch: Regen) oder auch tvrain zu einer der letzten Bastionen russischer unabhängiger Medien entwickelt. Doch auch diese droht jetzt zu fallen. Die Geschichte eines erbitterten Kampfes für Pressefreiheit und das Recht auf Informationspluralismus.

Die Geschichte dieses Fernsehsenders beginnt am 27.4.2010 in Moskau, als sich das Team um Natalia Sindejewa zusammenfindet, um den Grundstein für einen alternativen Fernsehsenders zu legen. Zunächst eher klein und bescheiden, fand Dozschdj vor allem während der Proteste nach den Wahlen 2011 aufgrund seiner objektiven und detaillierten Berichterstattung großen Zulauf. Seit dem erfreute sich der Sender immer größerer Beliebtheit in breiten Teilen Russlands, wobei die Hochburgen seiner Anhänger nach wie vor die beiden größten urbanen Zentren Moskau und St. Petersburg darstellen. Dennoch konnte Dozschdj auf dem gesamten Territorium Russlands empfangen werden. 2011 gewann der Sender den Spezialpreis der Akademie des Russischen Fernsehens (ART) und wurde 2013 zu dem Preisträger in der Kategorie „Kultur und Massenkommunikationsmittel“ im Rahmen des 10-jährigen Jubiläums des „Ru-net“, also russischsprachigen Internets, gekührt. Das Programm wird in großem Maße von politischen Berichterstattungen und Diskussionen, aber auch Lesungen, Konzerten und Dokumentarfilmen bestimmt. Da auch regierungskritische bzw. „regierungsnüchterne“ Stimmen hier zu Wort kommen, sieht sich der Sender des Öfteren mit Betitlungen wie oppositionell, unpatriotisch oder gar russlandfeindlich konfrontiert. Dementsprechend spielt auch der Auslöser des Skandals um den Sender, der nun möglicherweise zu dessen vollkommenen Schließung führt.

26. Januar 2014: am Vorabend des 70-jährigen Jubiläums der Blockade von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht, durch die beinahe 1,1 Millionen Menschen ums Leben kamen, stellten die Moderatoren während einer live Diskussion, sowie in sozialen Netzwerken wie facebook und Twitter, die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, Leningrad aufzugeben, um tausende von Menschenleben zu retten? Daraufhin entbrannte völlig unerwartet eine hitzige Diskussion, vor allem in den sozialen Netzwerken. Von vielen wurde solch ein Gedankenanstoß als provokativ und respektlos gegenüber den Helden und Opfern der Leningrader-Blockade aufgenommen. Zwar wurde bereits 20 Minuten später die Frage aus den sozialen Netzwerken sowie von der offiziellen Internetseite des Senders entfernt und der Chefredakteur entschuldigte sich persönlich bei allen Zuschauern, die sich durch diese Formulierung angegriffen fühlten: Doch die Folgen für Dozschdj bleiben fatal …

Vor allem seitens vieler russischer Politiker erntete Dozschdj scharfe Kritik: so verglich die Duma-Abgeordnete Irina Yarowaja dieses Verhalten mit einem Verbrechen und bezichtigte den Sender des Versuchs „Nazismus rehabilitieren zu wollen“. Der Kulturminister der russischen Föderation Wladimir Medinski schrieb über Twitter: „Ich weiß gar nicht, wie man diese Menschen nennen soll. Das sind Unmenschen“. Der Pressesprecher des Präsidenten, bekundete, dass die Inszenierung dieser Frage während der Livediskussion durch den Sender alle ethisch-moralischen Grenzen für das russische Volk überschritten habe. Am 28. Januar rief Jurij Pripachkin, der Präsident der Vereinigung des russischen Kabelfernsehens (Aktr), dazu auf, den Sender zu schließen. Er verwies darauf, dass Massenmedien „nicht nur eine rein informative, sondern auch eine erzieherische Verantwortung trügen, die sie erfüllen müssen.“ – der Anfang vom Ende: Denn in den darauf folgenden Tagen stoppte ein Anbieter nach dem anderen die Ausstrahlung des Senders.

Mittlerweile sehen viele liberale Bürger Russlands in dieser Aktion eine Art Racheakt an dem scheinbar viel zu unabhängigen Sender, der durch seine nicht-regierungskonforme Berichterstattung über die Anti-Putin-Demonstrationen in 2011/2012 in Russland, den Skandal um die Punkband Pussy Riot, vor allem aber auch jüngst über die als anti- russisch wahrgenommene Maidanbewegung in der Ukraine, vielen ein Dorn im Auge war. Vor diesem Hintergrund spekuliert die Gründerin des Senders, Natalija Sindejewa: „Sie (die Anbieter) bekamen einen Anruf mit etwa dem folgenden Text: Stoppt die Ausstrahlung von Dozschdj. Egal wie. Egal unter welchen Vorwänden. Denkt euch was aus. Deswegen bekamen wir auch von überall verschiedene Begründungen zu hören.“ Einer der Anbieter habe sogar zugegeben, dass die Entscheidung Dozschdj abzustellen nicht unbedingt von selbständiger Natur war. Wladimir Lukin, der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung vermutete, sogar ein Komplott seitens der Kabelanbieter und ließ seine Vermutung vom föderalen Antimonopol-Dienst (FAS) überprüfen – am 5 März erhielt er jedoch eine negative Antwort.

Dozschdj ist schon längst kein Moskauer Hipster-Sender mehr, sondern eine Festung, die verteidigt werden muss“,

heißt es in einer Erklärung des berühmten russischen Schriftstellers Boris Akunin, der am 26. März selbst als Gast im Studio war. Und tatsächlich, während die ganze Welt durch die Ereignisse in der Ukraine abgelenkt scheint, beobachtet der regierungskritische Teil der russischen Gesellschaft besorgt das drohende Ende von Dozschdj als einen traurigen Meilenstein in der Gleichschaltung russischer Medien. Diese hatte sich in letzter Zeit deutlich intensiviert: was nämlich mit der Sperrung von oppositionellen Nachrichtenseiten wie lenta.ru, grani.ru, dem livejournal des Oppositionellen Alexei Nawalny, und der Umstrukturierung zahlreicher anderer, bis dahin unabhängiger Onlinejournale zu Gunsten des Kreml begann, findet mit der Schließung dieses Fernsehsenders einen vorläufigen Höhepunkt, der sich verheerend auf die russische Gesellschaft auswirken könnte.

„tvrain: the optimistic channel“:

ist die offizielle Bezeichnung, die sich der Sender gegeben hat – was in Zeiten, wie diesen, fast schon zynisch wirkt: Doch wird der Sender gerade diesen Optimismus, mehr als jemals zuvor brauchen. Mit aller Kraft versucht Dozschdj, sich der medialen Gleichschaltung und seinem nahen Ende zu entziehen: nicht „trotz“, sondern – wie es ein Moderator einige Tage zuvor formulierte – „gerade weil sie ihre Heimat lieben“.

Am 17. März zog der Sender in seine höchstwahrscheinlich letzte, wahrscheinlich aber auch seine bedeutendste Schlacht: unter der pathetischen Bezeichnung „Tage der Unabhängigkeit“ wird ein Spendenmarathon durchgeführt, der darüber entschied, wie lange der Sender noch existieren wird. Denn mit dem Ausscheiden aus dem Fernsehprogramm ging dem Sender auch größtenteils die Finanzierung durch Werbung verloren. Nun reichen die Mittel trotz bereits erfolgter Ausgabenkürzungen kaum noch aus, weder für das Gehalt der Mitarbeiter, noch für die Miete der Studioräumlichkeiten.

Doch ist diese Aktion weitaus mehr als das erste Crowdfunding – Event in der Geschichte des russischen Fernsehens: Berühmte russische Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler und Medienexperten waren zu Gast beim Sender. In Diskussionskreisen wurden brennende Themen wie die Unabhängigkeit russischer Medien oder staatliche Propaganda und deren Einflüsse auf die Gesellschaft behandelt. Ziel war die Sensibilisierung der Bevölkerung für diese allgegenwärtigen Probleme. Aber auch Konzerte und Lesungen gehörten zum Programm. Selbst ein Liveticker wurde eingerichtet, mit dessen Hilfe die Zuschauer die ganze Zeit über verfolgen können, um wie viele Tage, Stunden, Minuten sie gemeinsam das Leben von Dozschdj durch ihre Spenden verlängert haben.

„Warum Dozschdj?“

wurde der berühmte russische Journalist Nikolai Swanside während einer Livediskussion zu seiner Meinung zur Bedeutung des Senders gefragt. „Warum? Weil das Wetter nicht immer gleich bleiben kann“, antwortet dieser lächelnd, „ sagen wir mal: unbekümmert – sonnig. So etwas gibt es nicht. Manchmal da brauchen wir Regen. Ohne Regen wächst Nichts, alles trocknet ein. Momentan erleben wir solch eine Austrocknung der russischen Medienlandschaft, sodass Dozschdj, insbesondere jetzt, zu einer Zeit, in der es so gut wie keine unabhängigen Informanten gibt, für die russische Gesellschaft unverzichtbar, gar überlebenswichtig wird. Dozschdj das ist Alles: Nachrichten, Diskussionen, Lektionen und live-Übertragungen – einfach eine alternative, unabhängige Informationsquelle, an welchen es zurzeit, wie bei einer Sauerstoffknappheit, bis hin zur Atemnot, mangelt.“

von Yulia Yarina

Die Autorin studiert Rechtswissenschaften an der Humboldt Universität Berlin und ist Mitglied bei der Jungen Europäischen Bewegung Berlin Brandenburg

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