Leseempfehlung: Wie der grüne Riese in die Zukunft schreitet


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Leseempfehlung: Wie der grüne Riese in die Zukunft schreitet

Brasilien – gefeiert als Wirtschaftsmacht, Rohstoffgigant und grüner Riese. Doch wo sich einst positive Schlagzeilen überschlugen, weicht nun der Hype mancherorts einer Welle der Ernüchterung. Fest steht, dass Brasilien auch in diesem Jahr nicht an sein rasantes Wachstum von 2010 anknüpfen dürfte. Der grüne Riese stolpert – wird er fallen? Vieles spricht dafür, dass sowohl der Hype als auch die aktuellen Negativschlagzeilen Extreme sind, in dessen Mitte sich Brasilien mit einem gesunden Wirtschaftswachstum einpendeln wird.

Gigantische Rohstoffvorkommen gepaart mit einer stabilen Demokratie haben in den vergangenen Jahren Investoren aus aller Welt nach Brasilien gelockt. In den dunkelsten Zeiten der internationalen Finanzkrise schienen Investitionen in die aufstrebende Wirtschaftsnation besonders lukrativ. China, das im Zuge seines rasanten Wirtschaftswachstums in hohem Maße Rohstoffe nachfragte, entpuppte sich als Brasiliens zentraler Absatzmarkt und löste 2009 die USA als Haupthandelspartner ab.

Der anhaltende Zufluss ausländischer Investitionen ließ den Wert der brasilianischen Währung in die Höhe schnellen. Dieser Effekt schürte Bedenken vor einer wiederkehrenden Inflation, wie sie Brasilien bis in die 90er-Jahre auf dramatische Weise erlebt hatte. Um das Preisniveau stabil zu halten, erhöhte die Zentralbank den Leitzins. Über zwei Jahre führte Brasilien daraufhin die Weltrangliste als Land mit den höchsten Realzinsen an. Dies und die starke Währung ließen Kreditpreise und Löhne steigen, was es brasilianischen Unternehmern erschwerte, international konkurrenzfähig zu bleiben.

Auch die oftmals unzureichende Infrastruktur, lange Rechtsverfahren und eine undurchsichtige Bürokratie beeinträchtigten die Geschäftstätigkeit vor Ort. Als in der zweiten Jahreshälfte 2011 die Folgen der Finanzkrise besonders schwer wogen und China zu Beginn dieses Jahres die Prognosen für sein Wirtschaftswachstum herunterschraubte, schien das Fiasko perfekt: Der Rohstoffboom, der Brasilien einen so glanzvollen Aufstieg beschert hatte, galt als vorerst beendet. Brasiliens Exportgüter entpuppten sich als zu teuer.

Während brasilianische Unternehmer unter dem hohen Preisniveau ihrer Währung litten, bahnten sich günstigere Importe ihren Weg. Insbesondere chinesische Produkte überschwemmten den Markt aufgrund der künstlich niedrig gehaltenen chinesischen Währung. Brasilien sprach von einem „Währungskrieg“ und versuchte mit protektionistischen Maßnahmen den einheimischen Markt zu schützen. Dies wiederum beeinträchtigte ausländische Unternehmer. Nicht nur die ohnehin hohen Produktionskosten, sondern auch die gestiegenen Einfuhrzölle erschwerten es ihnen, in Brasilien Fuß zu fassen – nicht ohne Folgen: Vor Ort fehlte es in einzelnen Sektoren an Mitbewerbern. Somit bestanden weniger Anreize, innovativ zu sein und die Produktivität zu steigern. Während also die Produktivität teils stagnierte, schnellten die Löhne in die Höhe. Um diese zahlen zu können, verteuerten Unternehmer wiederum ihre Produkte. Damit sind wir in der heutigen Situation angelangt: Ob der gestiegenen Preise, der gesunkenen Nachfrage nach brasilianischen Produkten und des sinkenden Wirtschaftswachstums mehren sich nun Stimmen, die den Fall des grünen Riesen und damit das Ende des Brasilienbooms heraufbeschwören.

Doch die negative ist Stimmung unangebracht. Die Zeiten des Booms, hervorgerufen durch ungewöhnlich starke Wachstumsschübe im asiatischen Raum, die Überbewertung der brasilianischen Währung und einen kurzsichtigen Hype, sind vorbei. Stattdessen stehen die Zeichen gut für den Beginn einer Ära gesunden Wachstums mit langfristigen Investitionen. Brasilien hat hierfür sowohl politisch als auch wirtschaftlich alle Voraussetzungen: Das Land ist eine stabile Demokratie mit einer sozialen Marktwirtschaft und soliden politischen Institutionen. Derzeit sind Regierung und Zentralbank bemüht, sich den dringlichsten Herausforderungen zu stellen: Leitzinssenkungen und Eingriffe am Kapitalmarkt verringern Kreditkosten und nehmen den Druck aus der Währung. Dies lässt Preise sinken, was den Export und Geschäfte vor Ort beleben kann. Brasilien verfügt über eine vielfältige Industrielandschaft und ist daher nicht in dem Maße von Rohstoffexporten abhängig, wie oft vermutet wird. Die stark gewachsene Mittelschicht wiederum ist der Schlüssel zu Brasiliens Wachstum: Die Nachfrage nach hochwertigen Konsumgütern ist groß – Bereiche wie der Pharmasektor, der IT-Bereich und Infrastrukturprojekte boomen und sind noch lange nicht gesättigt. Ölfunde vor der brasilianischen Küste bieten ebenso Investitionsmöglichkeiten wie die Agrarindustrie und der sich rasant entwickelnde Bildungssektor. Kein Grund also, das Ende des brasilianischen Wirtschaftswachstums heraufzubeschwören. Vielmehr ist nun die Bahn frei für einen grünen Riesen, der sich – nach kurzem Stolpern – wieder aufschwingt, um in gesundem Tempo in die Zukunft zu schreiten.

Quelle: Die Welt, online abrufbar hier

Jana Dotschkal, Regionalleiterin Mittel- und Südamerika

Jana Dotschkal

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