Die mosambikanischen Islamisten Al-Shabaab: Zwischen antistaatlichem Terror und ostafrikanischem Dschihadismus

Die mosambikanischen Islamisten Al-Shabaab: Zwischen antistaatlichem Terror und ostafrikanischem Dschihadismus

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Der Angriff auf Palma am 27. März 2021

Am 27. März 2021 stürmten Dschihadisten der mosambikanischen Al-Shabaab* – Gruppe („die Jungen“) die Stadt Palma, in der nördlichen Provinz Mosambiks Cabo Delgado. Diese Operation, die das milliardenschwere Projekt der französischen Mineralölfirma Total ins Wanken brachte, ist einer der verheerendsten, die Stand April 2021 2 600 Tote und 670.000 Vertriebene gefordert hat (Wakim & Rémy, 2021). Laut dem mosambikanischen Militär bestehen die Shabaab aus 4.500 Kämpfern aus verschiedenen ostafrikanischen Ländern, die von dem Tansanier Abu Yasir Hassan angeführt werden – auch wenn bisher wenig über die Gruppe bekannt ist (Cascais et al., 2021). Mit dem Angriff auf Palma haben die Shabaab gezeigt, dass sie über solide Militärkapazitäten verfügen und in der Lage sind, den mosambikanischen Staat zu destabilisieren.

Die Gruppe gelangte 2017 an die Öffentlichkeit, als sie in Mocimboa da Praia (Cabo Delgado) Polizeibeamte ermordete. Die Shabaab präsentieren sich als eine islamistische und dschihadistische Bewegung, die gegen ausländische Einflüsse in Mosambik, aber auch gegen den säkulären Staat und gegen die Korruption der Regierungspartei FRELIMO kämpfen. Wie lässt sich ihr Erfolg erklären? Wie werden ihre Mitglieder rekrutiert? Auf der einen Seite ist die prekäre wirtschaftliche und politische Lage Cabo Delgados sicherlich ein Nährboden für radikale Ideologien wie die der Shabaab; auf der anderen Seite darf die Mobilisierung islamistischer Netzwerke in Ostafrika nicht vernachlässigt werden.

*nicht mit den somalischen Shabaab zu verwechseln. Es bleibt unklar, ob eine Verbindung zwischen beiden Gruppen vorliegt.

Das Versagen des mosambikanischen Staates als Nährboden für radikale Ideologien

Die mosambikanische Politik ist gekennzeichnet durch den Konflikt zwischen der Regierungspartei FRELIMO und der Oppositionspartei RENAMO; eine Trennlinie, die in Cabo Delgado entlang religiöser und ethnischer Spaltungen verläuft. Die Mehrheit der Bevölkerung in der Provinz macht die muslimischen RENAMO-Wählerschaft der Makua und Mwani aus, während die christliche Makonde-Minderheit die politische und wirtschaftliche Macht innehat und der FRELIMO treu ist (Morier-Genoud, 2020). Dieser Bruch ist seit der Unabhängigkeit Mosambiks 1975 Ursache sämtlicher Konflikte gewesen, hauptsächlich um Ressourcen.

Cabo Delgado verfügt über enorme Gasvorkommen, von denen jedoch die muslimischen Makua und Mwani kaum profitieren. Grund dafür ist hauptsächlich die Korruption der mosambikanischen FRELIMO, die ethnische und religiöse Identitäten zu ihren Gunsten instrumentalisiert – zum Beispiel, indem sie sich auf die Makonde stützt – und Gaseinkommen mit großen ausländischen Firmen teilt. Seit der Entdeckung von offshore-Gasquellen um 2010 haben Großunternehmen, wie z. B. Total (französisch), CNC (chinesisch) und Rosneft (russisch), Großprojekte gestartet, um sich Zugang zu Erdgas und Edelsteinen in Cabo Delgado zu sichern (Augé, 2019). Allerdings profitiert die lokale Bevölkerung Cabo Delgados nicht von diesen Ressourcen; folglich wendet sie sich vom Staat ab und sucht bei fundamentalistischen Predigern und im Schwarzhandel Alternativen. Ausländische Firmen, wie Total, gelangen ins Visier der Dschihadisten, da sie als Unterstützer des Präsidenten Nyusi und der Korruption seiner Partei gelten. Dies erklärt auch, warum die russische Wagner-Miliz die mosambikanischen Sicherheitskräfte unterstützt, um russische Unternehmen gegen Angriffe zu schützen (Coloma, 2020). Einige Experten werfen sogar der FRELIMO vor, durch ihre desaströse Politik die perfekten Bedingungen für die Entwicklung der Shabaab geliefert zu haben (do Rosario, 2020).

Cabo Delgado in die ärmste Provinz Mosambiks: Mehr als die Hälfte der dortigen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und/ oder ist arbeitslos. Daher bietet der informelle Sektor die einzige Überlebensmöglichkeit. Laut Habibe, Forquilha und Pereira (2019) bilden junge, unausgebildete Menschen den Großteil der Shabaab. Das Zugehörigkeitsgefühl, das mit der Mitgliedschaft in der Shabaab – Bewegung einhergeht, wird von vielen als Lösung für ihre wirtschaftliche und soziale Not empfunden.

Ermöglicht durch einen schwachen Staat und Korruption Anfang der 2000er entwickelte sich mit dem Schmuggel von Edelsteinen, Holz, Heroin oder Elfenbein, der durch die Schwäche und die Korruption der Regierung erleichtert wurde, eine zunehmende informelle Wirtschaft in Mosambik. Aufgrund der steigenden Nachfrage aus China nach diesen Waren, des erstarkten Heroinhandels aus Afghanistan und Pakistan und Migrationsbewegungen aus Nordafrika nahm der Schwarzhandel um 2010 enorm zu. Die aus diesen illegalen Netzwerken entstandene Korruption rief ein Misstrauen dem Staat gegenüber hervor, das sich die Shabaab zunutze machten. So finanzieren sich die Shabaab laut einem Bericht des Global Initiative Against Transnational Organized Crime mit diesen illegalen Geschäften (Haysom, 2018).

Soziale Not und ein ausgeprägtes Ressentiment gegenüber dem Staat stellen also eine Erklärung für die Stärke der Shabaab dar. Kann jedoch der Erfolg der mosambikanischen Terroristen einzig auf die wirtschaftliche Lage in Cabo Delgado zurückgeführt werden?

Einfluss ausländischer islamistischer Akteure in Mosambik

Auch wenn die wirtschaftliche Lage in Cabo Delgado eine plausible Erklärung für den Erfolg der Shabaab liefert sind auch ostafrikanische Netzwerke islamistischer Akteure, z. B. Prediger, die in Universitäten im Sudan oder in Saudi-Arabien studiert haben und in Kenia oder Tansania unterrichten, von großer Bedeutung für die Bewegung (Habibe et al., 2019).

Die Shabaab entstanden 2007, als eine Gruppe von Rückkehrern aus Tansania nach ihrer islamischen Ausbildung und mit Erfahrungen in der Leitung dschihadistischer Angriffe unter der Leitung von Scheich Sualehe in Cabo Delgado eine andere Auslegung des Islam verbreiteten. Ihr Diskurs richtete sich gegen den Staat, der als „ungläubig“, unmoralisch und korrupt angeprangert wurde und durch eine islamische Regierung ersetzt werden sollte, und gegen andere Muslime, die angeblich nicht den wahren Islam praktizierten. Dementsprechend nannten sich die Shabaab anfangs Ahlu Sunnah Wal Jamâa – die Anhänger der prophetischen Tradition. Ihre von der mosambikanischen Norm abweichenden Praktiken und ihr aggressiver Diskurs wurden von der staatlichen islamischen Behörde CISLAMO abgelehnt und die Shabaab mussten sich von öffentlichen Moscheen in private Kultstätten – wie z. B. auf Scheich Suaheles Grundstück – zurückziehen. Es wurden auch madrasas (Religionsschulen) gegründet, in denen Predigten vom radikalen kenianischen Imam Aboud Rogo gezeigt wurden. Da die Gruppe von der mosambikanischen Regierungspartei FRELIMO bekämpft wurde, entschied sie sich 2016 dafür, aus dem Untergrund zu treten und gewaltsam den Staat anzugreifen. Somit wurde die Sekte zu einer dschihadistischen Bewegung (Morier-Genoud, 2020).

Ostafrikanische islamistische Akteure fanden also in Mosambik lokale Ableger, die sich der wahhabitischen und/ oder salafistischen Lesart des Islam anschlossen und diese auch propagierten (Habibe et al., 2019). So setzte sich von Anfang an die Shabaab-Bewegung aus mosambikanischen und ausländischen – vor allem tansanischen – Mitgliedern zusammen, die den Dschihad ausriefen. Im Juli 2019 schlossen sich dann die mosambikanischen Shabaab dem IS an. Jedoch bestehen die Shabaab hauptsächlich aus mosambikanischen Jugendlichen.

Die Ausbreitung der islamistischen Bewegung lässt sich auf gut strukturierte Rekrutierungsnetzwerke zurückführen:

  1. Ehen aus tansanischen Dschihadisten und mosambikanischen Frauen
  2. Freundeskreise, in denen die radikale Ideologie verbreitetet wurde
  3. Madrasas und Moscheen, die neben einer fundamentalistischen religiösen Ausbildung auch soziale Aufgaben erfüllten (z. B. die Ernährung armer Kinder)
  4. Religiöse Jugendvereine
  5. Illegaler Handel (siehe erster Teil)

Diese Netzwerke garantierten islamistischen Aktivisten einen gewissen Schutz durch lokale Familien in Cabo Delgado und gaben ihnen auch Kontakt zu potenziellen Rekruten (Habibe et al., 2019). Neben den illegalen Geschäften ist also auch der religiöse Diskurs ausschlaggebend. Islamistische Akteure sind in der Lage, mit ihrem salafistischen, religiös gefärbten staatsfeindlichen Diskurs junge Arbeitslose anzuziehen und zu mobilisieren. Die prekäre Ausgangslage in Cabo Delgado bietet den Nährboden für die Ausbreitung der Shabaab-Ideologie, dennoch würde es zu kurz greifen, nur den sozialen Aspekt der Rebellion zu betonen, ohne die Wichtigkeit des religiösen Diskurses und der islamistischen Aktivisten anzugehen. Ohne die Verbreitung der salafistischen Ideologie und ihrer Anhänger in Mosambik hätte es wahrscheinlich keine dermaßen strukturierte antistaatliche Bewegung gegeben. Die Stärke der islamistischen Netzwerke erklärt auch, warum die Rebellion erst jetzt stattfindet – schließlich ist Cabo Delgado schon seit langem die ärmste Region Mosambiks – und warum sich ähnliche Entwicklungen in anderen afrikanischen Ländern, wie z. B. in Tansania, beobachten lassen. Diese Dynamik bei der Rekrutierung von Dschihadisten wurde, auch wenn der Kontext sicherlich sehr unterschiedlich ist, auch in Europa beobachtet (Karoui & Hodayé, 2021).

Die Zukunft der Shabaab

Wie wird es mit den Shabaab weitergehen? Wahrscheinlich ist mit weiteren Attacken auf Gasinstallationen und einer Ausbreitung der Kontrollzone der Dschihadisten zu rechnen (Parrot & Augé, 2021). Da die mosambikanische Armee unfähig scheint, gegen die Shabaab effektiv vorzugehen, haben sich andere Staaten der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (SADC), wie z. B. Zimbabwe, Malawi und Botswana, für eine regionale Intervention in Mosambik ausgesprochen; sie befürchten, die Terroristen könnten sich über den Kontinent ausbreiten. Auch andere Mächte haben Mosambik ihre Unterstützung zugesichert, so die Vereinigten Arabischen Emirate, die humanitäre Hilfe leisten, oder die EU und die USA, die die mosambikanischen Kräften ausbilden wollen (Servant, 2021). Um dennoch der Gruppe den Boden zu entziehen, muss der mosambikanische Staat reformiert werden: Unabhängig von den ausländischen Aktivisten ist ohne ein Ende der Korruption, der ethnischen Konflikte und der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Cabo Delgado kein Ende des Terrors in Sicht. Die Lösung der Krise beinhaltet erstens ausländische finanzielle und humanitäre Hilfe für die Vertriebenen, z. B. vonseiten der EU, mehr Demokratie, damit alle Gemeinschaften im Staatsapparat vertreten sind und sich nicht ausgeschlossen fühlen, mehr staatliche Investitionen und eine bessere Verwaltung der Ressourcen, um die wirtschaftliche und soziale Lage in Cabo Delgado zu verbessern, sowie letztendlich eine stärkere Kontrolle des Schwarzhandels, der bisher zu oft von den Behörden akzeptiert, wenn nicht sogar mitgetragen wurde.

 

Literatur

Augé, B. (2019). Le développement des hydrocarbures en Afrique de l’Est. Défis politiques et sécuritaires | IFRI – Institut français des relations internationales. https://www.ifri.org/fr/publications/notes-de-lifri/developpement-hydrocarbures-afrique-de-lest-defis-politiques

Cascais, A., Nyingi, J., Issufo, N., & Sampaio, M. (2021, März 29). Mozambique′s extremist violence poses threat for neighbors. Africa | DW. https://www.dw.com/en/mozambiques-extremist-violence-poses-threat-for-neighbors/a-57043563

Coloma, T. (2020). La stratégie économico-sécuritaire russe au Mozambique | IFRI – Institut français des relations internationales. https://www.ifri.org/fr/publications/notes-de-lifri/strategie-economico-securitaire-russe-mozambique

do Rosario, D. (2020, Februar 14). Compte rendu de conférence – Le Mozambique en crises. Afrique Décryptages. https://afriquedecryptages.wordpress.com/2020/02/14/compte-rendu-de-conference-le-mozambique-en-crises/

Habibe, S., Forquilha, S., & Pereira, J. (2019). Islamic Radicalization in Northern Mozambique. 64.

Haysom, S. (2018). Where crime compounds conflict. 32.

Karoui, H. E., & Hodayé, B. (2021). Les militants du djihad: Portrait d’une génération. Fayard.

Morier-Genoud, E. (2020). The jihadi insurgency in Mozambique: Origins, nature and beginning: Journal of Eastern African Studies: Vol 14, No 3. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17531055.2020.1789271

Parrot, C., & Augé, B. (2021, März 31). Attaque au Mozambique: „Le groupe islamiste va certainement vouloir étendre de plus en plus son territoire“. https://www.francetvinfo.fr/monde/afrique/mozambique/attaque-au-mozambique-le-groupe-islamiste-va-certainement-vouloir-etendre-de-plus-en-plus-son-territoire_4353295.html

Servant, J.-C. (2021, Juni 25). Le Mozambique frappé par l’extrémisme violent. IRIS. https://www.iris-france.org/158691-le-mozambique-frappe-par-lextremisme-violent/

Wakim, N., & Rémy, J.-P. (2021, April 16). Au Mozambique, le mégaprojet gazier dans l’inconnu après les attaques djihadistes. https://www.lemonde.fr/afrique/article/2021/04/16/au-mozambique-l-industrie-du-gaz-au-defi-des-chabab_6077039_3212.html

Joel Crisetig studiert "Internationale und europäische Governance" im Masterstudiengang an der Westphälischen Wilhelms-Universität Münster und an Sciences Po Lille (Frankreich). Seine Forschungsschwerpunkte sind religiöser und politischer Extremismus sowie internationale Konflikte.