Mehr als Irans Marionette – Die Huthis zwischen Allianz, Eigenständigkeit und Hedging

Historische und ideologische Eigenständigkeit

Der Jemen gilt seit Jahrzehnten als eine der geopolitischen Bruchlinien des Nahen Ostens – ein Land, in dem sich lokale Konflikte und globale Machtkämpfe überlagern. Mit dem Aufstieg der Huthi-Bewegung, offiziell bekannt als Ansar Allah, hat sich diese Dynamik weiter verschärft. Spätestens seit dem 7. Oktober 2023, als die Huthis begannen, gezielt Schiffe im Roten Meer anzugreifen, rückten sie in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit.

In vielen Analysen taucht dabei reflexartig ein vertrautes Narrativ auf: die Huthis als bloßer Proxy des Irans. Dieses Bild ist bequem – aber irreführend. Wer die Huthis nur als Marionetten betrachtet, verkennt ihre strategische Raffinesse. Ihre Beziehungen zu Teheran sind zwar eng, aber nicht monolithisch. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld, das sich am besten mit „Hedging“ beschreiben lässt. Ein theoretisches Konzept, das eine ambivalente Strategie beschreibt, ist das des Hedging. „Hedging“ (engl. Absicherung) beschreibt eine außenpolitische Strategie, bei der ein Staat gleichzeitig kooperative und konfrontative Elemente gegenüber einer anderen Macht verfolgt. Es ist eine Reaktion auf Unsicherheit, wenn sich Staaten nicht eindeutig für Konfrontation oder Kooperation entscheiden.

Die Wurzeln der Huthi-Bewegung reichen weit zurück. Ursprünglich als zaiditische Erneuerungsbewegung im Norden des Jemen gegründet, entstand Ansar Allah in den 1990er-Jahren aus einer Mischung religiöser Selbstbehauptung und politischer Marginalisierung. Ihre ideologischen Wurzeln liegen im Zaiditentum, einem schiitischen Zweig, der in vielerlei Hinsicht den sunnitischen Schafiiten nahesteht, die im Jemen traditionell dominant waren. Als Teil der Schiiten glauben Anhänger des Zaiditentums, dass der Cousin und Schwager des Propheten Mohammads, Ali, nach dem Tod des Glaubensführers das Recht hatte, die Muslime anzuführen. Die Huthis beanspruchen den historischen Anspruch der Sadah, einer sozialen Elite, für sich und nutzen diesen Anspruch zur Legitimierung ihrer politischen Herrschaft.

Trotz dieser Unterschiede bot der Iran militärische, logistische und politische Unterstützung, besonders als der Konflikt im Jemen eskalierte. Spätestens nach der Machtübernahme in Sanaa 2014 wurden die Huthis zu einem festen Bestandteil der sogenannten “Achse des Widerstandes” – einem informellen Netzwerk aus Iran, Hisbollah, syrischem Regime und weiteren mit Teheran verbundenen Akteuren. Doch: Diese Zugehörigkeit ist keine reine Unterordnung, sondern eher eine Allianz auf Augenhöhe – mit klaren Eigeninteressen.

 Militärische, wirtschaftliche Diversifizierung und diplomatische Eigeninitiative

Militärisch haben die Huthis über Jahre stark vom iranischen Know-how profitiert, insbesondere bei der Entwicklung und dem Einsatz von Raketen- und Drohnentechnologie. Diese Unterstützung ermöglichte es ihnen, ihre militärische Schlagkraft deutlich zu steigern und ihre Kontrolle in weiten Teilen des Jemen abzusichern. Gleichzeitig sind die Huthis bestrebt, ihre Abhängigkeit von Teheran zu verringern. Dazu gehören gezielte Kontakte zu irakischen Milizen, die nicht nur Nachschub und Training liefern, sondern auch operative Erfahrungen in asymmetrischer Kriegsführung bereitstellen. Darüber hinaus scheuen die Huthis nicht vor Kooperationen mit ideologischen Gegnern wie Al-Qaeda auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) oder Al-Shabaab zurück, wenn dies logistische Vorteile oder Zugang zu neuen Ressourcen verschafft. Hinweise auf Waffendeals mit Russland und China zeigen zudem einen strategischen Diversifizierungsansatz.

Ökonomisch verfolgen die Huthis ähnliche Strategien der Diversifizierung und Autonomie. Neben iranischen Unterstützungsleistungen entwickeln sie eigene Einnahmequellen, darunter die Erhebung von Zöllen und Steuern, den Verkauf von Öl sowie verdeckte finanzielle Zuwendungen aus Staaten wie Katar. Diese Einnahmeströme verschaffen den Huthis finanzielle Flexibilität und strategische Handlungsfreiheit, selbst unter Bedingungen verschärfter internationaler Sanktionen – etwa des seit 2015 bestehenden UN-Waffenembargos, der US-Terrorlistung als „Specially Designated Global Terrorist Group“ (SDGT) im Januar 2024 sowie gezielter US-Sanktionen gegen Unternehmen und Tanker, die iranisches Öl für die Huthis schmuggeln – oder bei einer Reduktion iranischer Unterstützung. Auf diese Weise sichern sie nicht nur ihre wirtschaftliche Basis, sondern stärken auch ihre Fähigkeit, sowohl militärisch als auch politisch eigenständig zu agieren. Die Kombination aus militärischer Diversifizierung und ökonomischem Hedging stärkt ihre Fähigkeit, unabhängig zu handeln und Druck von außen abzufedern

Auch diplomatisch agieren die Huthis zunehmend selbstbewusst und unabhängig. Sie nutzen Oman als neutralen Vermittler, um Verhandlungen zu ermöglichen, und bauen gleichzeitig direkte Kontakte zu Russland und China aus. Besonders auffällig waren die direkten Gespräche mit Saudi-Arabien in den Jahren 2023 und 2024. Diese Verhandlungen fanden ohne direkte Vermittlung durch Teheran statt und senden ein deutliches Signal: Die Huthis verstehen sich als eigenständiger Akteur mit eigener Verhandlungsmacht. Für Saudi-Arabien bot dies zugleich die Möglichkeit, Spannungen bilateral zu entschärfen und flexibler auf lokale Entwicklungen zu reagieren. Insgesamt zeigt diese Diplomatie, dass die Huthis nicht nur militärisch, sondern auch politisch eigenständige Entscheidungen treffen.

Konsequenzen für die internationale Politik und Ausblick

Das Zusammenspiel aus militärischer Diversifizierung, diplomatischer Eigeninitiative, ideologischer Eigenständigkeit und wirtschaftlicher Autonomie macht die Huthis zu einem hybriden Akteur, der sich nicht einfachen Kategorien zuordnen lässt. Eine Politik, die ausschließlich auf den Iran zielt, wird ins Leere laufen. Wer im Roten Meer Stabilität schaffen oder im Jemen Frieden fördern will, muss die Huthis als eigenständige Macht anerkennen – und direkt mit ihnen verhandeln. Militärische Gegenmaßnahmen können kurzfristig wirken, führen langfristig aber womöglich zu einer stärkeren Bindung an den Iran. Je größer der Druck, desto intensiver werden die Huthis ihr Hedging betreiben und neue Partner suchen.

Ob die Huthis ihr Machtmonopol im Jemen langfristig festigen und als legitimer internationaler Akteur anerkannt werden, hängt entscheidend davon ab, wie geschickt sie ihre Beziehungen zum Iran gestalten und ihre Eigenständigkeit wahren. Bisher verfolgen sie eine Politik des Hedging: Sie profitieren von Teherans Unterstützung, vermeiden aber eine Abhängigkeit, die ihre Handlungsfreiheit einschränken könnte. Für westliche Entscheidungsträger bedeutet dies, dass einfache Freund-Feind-Kategorien kaum noch tragfähig sind. Notwendig ist ein differenziertes Verständnis der Huthis als eigenständige, strategisch denkende Akteure, um realistische politische Optionen zu entwickeln. Der Umgang mit den Huthis sollte daher angepasst werden:

Gezielte diplomatische Öffnung: Einrichtung von Gesprächskanälen zu den Huthis auf technischer und politischer Ebene, auch unter Einbeziehung regionaler Mittler (z. B. Oman, Kuwait).

Selektives Sanktionsregime: Präzise Sanktionen gegen einzelne Kommandeure oder Netzwerke, die Menschenrechtsverletzungen oder Angriffe auf die Schifffahrt verantworten, kombiniert mit der Möglichkeit einer schrittweisen Lockerung bei nachweisbaren Fortschritten in Friedensverhandlungen.

Förderung lokaler Governance: Unterstützung von Projekten zum Aufbau von Verwaltungsstrukturen, Gesundheits- und Bildungssystemen in von Huthis kontrollierten Gebieten, um die Abhängigkeit der Bevölkerung von militärischen Strukturen zu verringern.

Kommunikations- und Informationsstrategie: Beobachtung und Analyse der Huthi-Mediennarrative sowie Unterstützung unabhängiger jemenitischer Medien, um Raum für alternative Diskurse zu schaffen.

Regionale Sicherheitsarchitektur: Einbindung der Huthis in multilaterale Gespräche über maritime Sicherheit im Roten Meer und die künftige Ordnung der Region, um Anreize für konstruktives Verhalten zu schaffen.

Nachhaltige Stabilität erfordert somit mehr als reaktives Krisenmanagement: Sie verlangt eine strategische Einbindung der Huthis in politische Prozesse, die sowohl ihre Eigenständigkeit respektieren als auch die Legitimität lokaler Institutionen stärken. Nur so lässt sich eine schrittweise Reduktion von Gewalt und eine langfristige Stabilisierung des Jemen erreichen – ein mühsamer, aber notwendiger Weg.

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Ferdinand Neubauer studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Wien und Stockholm, absolviert derzeit ein Masterstudium in International Politics an der Universität Leiden in den Niederlanden. Zuvor absolvierte er ein Praktikum bei der Ständigen Vertretung Österreichs bei der NATO und arbeitete anschließend im österreichischen Verteidigungsministerium. Seine Forschung und Publikationen konzentrieren sich auf sicherheitspolitische Entwicklungen und Terrorismus in der MENA-Region. 

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