Mit einem ebenso einfachen wie eindrücklichen Bild ließ sich der Vortrag von Felicitas Heyne wohl am besten zusammenfassen: Eine alte (micro)SD-Karte kann Leben retten. Am 22. April um 18:00 Uhr stellte sie die Arbeit der Audiopedia Foundation vor, die sie 2016 gemeinsam mit ihrem Mann gegründet hat.

Rund zehn Teilnehmende verfolgten zunächst einen etwa 45-minütigen Vortrag, an den sich eine offene und engagierte Fragerunde anschloss. Ausgangspunkt für Heynes Engagement war ein tiefes Gefühl von Ungerechtigkeit. Besonders prägend war für sie unter anderem die Dokumentation „Hunger“ von Claus Kleber. Darin wird die Geschichte einer Mutter erzählt, die nicht weiß, wie sie ihrem Kind helfen kann – obwohl in diesem Fall bereits einfaches Wissen, etwa über die lebensrettende Wirkung von Zuckerwasser, ausgereicht hätte. Dieses fehlende Wissen und der mangelnde Zugang dazu wurden für Heyne zum Antrieb ihres Handelns.
Die Dimension des Problems ist enorm: Weltweit können rund 500 Millionen Frauen nicht lesen und schreiben – Tendenz steigend. Bezieht man Frauen mit eingeschränkter Lesekompetenz ein, verdoppelt sich diese Zahl nahezu. Gleichzeitig existieren über 7.000 Sprachen, von denen etwa die Hälfte keine Schriftsprache besitzt. Klassische, textbasierte Wissensvermittlung erreicht diese Menschen schlicht nicht. Die Konsequenzen sind gravierend: Armut, Krankheit und soziale Ausgrenzung verstärken sich gegenseitig und werden häufig über Generationen hinweg weitergegeben.
“Weltweit können rund 500 Millionen Frauen nicht lesen und schreiben – Tendenz steigend”
Besonders eindrücklich waren die Zahlen, die Heyne nach eigenen Angaben täglich beschäftigen: Jeden Tag sterben weltweit 700 bis 800 Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt – meist aufgrund vermeidbarer Ursachen, vor allem im globalen Süden. Genau hier setzt die Arbeit der Audiopedia Foundation an. Ihr Ansatz: kostenloses, barrierefreies Wissen in Form von Audioinhalten. Statt auf Schrift setzt die Organisation auf leicht zugängliche Hörformate, die mittlerweile in rund 50 Sprachen verfügbar sind. Die Themen reichen von Frauengesundheit über Familie und Kinder bis hin zu Rechten, Schutz und Möglichkeiten zur Einkommenssicherung.
Der Weg von der Idee zur Nutzung ist dabei klar strukturiert: Zunächst werden relevante Inhalte entwickelt, die anschließend von Freiwilligen und professionellen Sprecherinnen und Sprechern übersetzt und eingesprochen werden. Die Verbreitung erfolgt über einfache, robuste Technologien. Besonders wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und Frauengruppen, die nicht nur beim Verständnis der Inhalte unterstützen, sondern auch den Austausch über eigene Erfahrungen fördern.
Ein besonders anschauliches Beispiel sind die sogenannten „Kartenretter“. Dabei werden ausgediente Micro-SD-Karten gesammelt, mit Audiomaterial bespielt und weitergegeben. Diese funktionieren auf einfachen Tastenhandys oder Lautsprechern – ganz ohne App, Internet oder Stromnetz. Eine einzige Karte kann dabei bis zu 2.200 Stunden Wissen speichern. Die Inhalte werden in unterschiedlichsten Kontexten genutzt: in Frauengruppen, Kliniken, Gemeindezentren und Schulen, in verschiedensten Ländern weltweit. Insgesamt ist die Organisation in über 20 Ländern aktiv und erreicht mehr als 15 Millionen Frauen. Unterstützt wird sie von rund 15.000 freiwilligen Übersetzerinnen und Übersetzern. Mittlerweile existieren über 8.000 Audiodateien in etwa 50 Sprachen – und das bei nur zwei festen Mitarbeitenden. In der anschließenden Fragerunde wurden unter anderem Themen wie Finanzierung, mögliche gesellschaftliche oder politische Widerstände sowie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz diskutiert.
Der Vortrag machte eindrucksvoll deutlich, wie viel Wirkung in einer scheinbar kleinen Idee stecken kann – und dass selbst eine vergessene SD-Karte einen echten Unterschied machen kann.
