Arbeitsmigration von und nach Jordanien – Segen oder Fluch für die lokale Wirtschaft?

Arbeitsmigration von und nach Jordanien – Segen oder Fluch für die lokale Wirtschaft?

Länder in der MENA-Region vertreten eine Vielfalt an wirtschaftlichen Strukturen. Jordanien ist ein interessantes Beispiel, da Überweisungen von Arbeitsmigranten im Ausland über ein Fünftel des jordanischen BIP ausmachen.

Der jordanische Arbeitsmarkt charakterisiert sich durch den regulären Import und Export von Arbeitskräften. Nach Angaben des jordanischen Arbeitsministeriums arbeiteten im Jahr 2008 288.000 jordanische Staatsbürger im Ausland. Diese sind größtenteils hochqualifiziert und verfügen über eine Ausbildung oder einen Universitätsabschluss. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitsmigranten aus Jordanien sind junge Männer, die vorübergehend in die Staaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) abwandern. Im Gegensatz sind die meisten Arbeiter, die nach Jordanien kommen, gering qualifizierte Arbeitskräfte, hauptsächlich aus Ägypten, Syrien und dem Irak. Diese Wanderarbeiter machen ein Viertel der Erwerbsbevölkerung aus. Sie sind überwiegend in den Bereichen Industrie, Bau, Dienstleistungen und Landwirtschaft tätig. Es sind Beschäftigungen, die wegen niedriger Löhne und harter Arbeitsbedingungen für jordanische Staatsbürger normalerweise weniger attraktiv sind.

Migranten, sowohl von und nach Jordanien, verlassen ihre Heimat aus verschiedenen Gründen, die meist von wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen geprägt sind. Die Arbeitslosenquote in Jordanien liegt seit Jahrzehnten bei ungefähr 15 Prozent, und die Mehrheit der arbeitslosen Jugendlichen fand keine Perspektiven in Jordanien. Im Vergleich dazu boten die Länder des GCC viele Arbeitsmöglichkeiten, da es an Arbeitskräften fehlte. Aufgrund der hohen Geburtsrate in Jordanien, die bis in die 1990er-Jahre anhielt, und einer steigenden Zahl von qualifizierten Arbeitskräften aus den Golfstaaten selbst kann der GCC die große Anzahl arbeitssuchender Jordanier nicht mehr komplett aufnehmen. Die Probleme der Arbeitslosigkeit wurden auch durch eine große Diskrepanz zwischen den Qualifikationen der Arbeitskräfte und den Marktanforderungen in Jordanien verschärft. Deshalb entscheiden sich viele jordanische Fachkräfte immer noch, in die GCC-Länder auszuwandern, wo die Gehälter viel höher sind.

Die Überweisungen, die von den Auswanderern zurück nach Jordanien fließen, haben mikro- und makroökonomische Auswirkungen. Sie machen ungefähr 23 Prozent des jordanischen BIP aus, und die positiven privaten Effekte dieser Überweisungen sind relativ unbestritten. Die UNDP betont, dass diese Geldtransfers den Empfängern die Möglichkeit geben, die Armut zu beseitigen. Auf makroökonomischer Ebene repräsentieren diese Überweisungen eine wichtige Devisenquelle und haben das Potenzial, die Wirtschaft anzukurbeln. Aber da diese Überweisungen hauptsächlich für den privaten Konsum und nicht für produktive Investitionen ausgegeben werden und die betroffenen Sektoren wie der Bausektor den erhöhten Bedarf an Rohstoffen und Arbeitskräften durch Importe decken, wird nur kurzfristiges Wirtschaftswachstum ermöglicht. Die neuen Arbeitsplätze bleiben auch weiterhin gering qualifizierte Stellen mit niedrigen Gehältern, die meistens mit Arbeitsmigranten besetzt sind.

Jordanien ist aber nicht in Gefahr, von den potenziell gefährlichen Auswirkungen eines „Brain Drains“ durch exzessive Arbeitsmigration zu leiden. Der jordanische Arbeitsmarkt charakterisiert sich durch ein Überangebot von Fachkräften. Darüber hinaus verlässt die Mehrheit der jordanischen Arbeitsmigranten das Land nur vorübergehend und kehrt nach ein paar Jahren mit erweitertem technischem Wissen zurück nach Jordanien, was die Effekte des „Brain Drain“ vermindert.

Obwohl die mikro- und makroökonomischen Effekte der Arbeitsmigration manchmal unklar sind, hat die temporäre Arbeitsmigration das Potenzial, sich nachhaltig zu entwickeln. Die Fähigkeiten und das Know-how, die Arbeitsmigranten in anderen Ländern erworben haben, könnten genutzt werden, um das Missverhältnis zwischen den Bedürfnissen der jordanischen Wirtschaft und den Maßnahmen zur Diversifizierung der Wirtschaft und zur Expansion des Privatsektors zu überwinden. So könnte die positive mikroökonomische Entwicklung der privaten Haushalte durch Überweisungsströme von Wanderarbeiternehmern den Weg für eine nachhaltige makroökonomische Entwicklung ebnen.

Der Artikel ist zuerst im Diplomatischen Magazin erschienen, Ausgabe 06/19 Arbeitsmigration von und nach Jordanien – Segen oder Fluch für die lokale Wirtschaft?.

Das Bild stammt von Lukas Beer – Unsplash

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