Geostrategische Implikationen der iranischen Atombombe

Geostrategische Implikationen der iranischen Atombombe

Das mögliche Streben Irans nach einer Atombombe gehört aktuell zu den brisantesten geopolitischen Themen. Dabei bleiben der Zweck des Atomprogramms, der Entwicklungsstand und ein möglicher Einsatz von Atomwaffen die großen Unbekannten. Mittels Sanktionen wird die iranische Wirtschaft geschädigt, um ein Einlenken zu erzwingen.

Das Beispiel Nordkorea zeigt aber, dass dies nicht unbedingt zum Erfolg führen muss. Welche geostrategischen Interessen könnte Teheran verfolgen? An welchen Stellen betreffen sie die Ziele Deutschlands, der USA und weiterer Länder in der Region?

Der Iran ist, im Bezug auf räumliche Ausdehnung und Einwohneranzahl, eine Mittelmacht. Bislang kann nur ein geringer geopolitischer Einfluss durchgesetzt werden, da Saudi-Arabien, Israel und die USA in der Region eine starke Partnerschaft aufgebaut haben. Iran kann deshalb als „unterrepräsentiert“ angesehen werden. Andere Staaten dieser Größe und strategisch guter Lage können einen deutlich größeren Einfluss auf ihre Nachbarstaaten ausüben. Der Bau einer Atombombe würde Teheran die Macht verleihen, dies zu verändern. Sie würde den Aufstieg in einen weiterhin elitären Kreis von Nationen bedeuten, welche de facto nicht mehr militärisch angreifbar sind, ohne enorme eigene Verluste befürchten zu müssen.

Geostrategisch würde eine Atommacht Iran den Zugang zu den Ressourcen der nordöstlich gelegenen Turkstaaten und des Kaukasus beeinflussen oder kontrollieren können. Neben den großen Öl- und Gasvorkommen der Anrainerstaaten des kaspischen Meeres sind dies unter anderem seltene Erden und Metalle. Da der Weltmarkt für seltene Erden bislang stark von chinesischen Interessen abhängt, könnte Iran sich in diesem zukunftsträchtigen Umfeld eine Position sichern, welche gleichzeitig einen Aufstieg zu einer bedeutenden Regionalmacht erlaubt.

Die „westlichen“ Interessen, also die der USA und verbündeter Nationen, zielen ebenfalls auf diese Ressourcen und die des Nahen Ostens im Allgemeinen ab. Momentan spielen dabei die Ölvorkommen eine herausragende Rolle. Insgesamt befinden sich in der Region über die Hälfte aller bekannten Erdölreserven der Erde. Um den Zugriff auf diese Reserven zu sichern, wird seit langem Saudi-Arabien von westlichen Staaten stark gefördert. Ziel dieser Unterstützung ist die regionale Kontrolle, welche durch Saudi-Arabien ausgeübt werden kann.

Russland und China werden somit von den Erdölvorkommen zumindest teilweise abgeschnitten. Um ebenfalls an den Ressourcen teilhaben zu können, besteht ihr Interesse darin, dass der westliche Einfluss in der Region nicht zu stark wird beziehungsweise abnimmt. Eine Stärkung des Iran ist für sie vorteilhaft. Mit der Entstehung eines weiteren einflussreichen, ölreichen Staates im Nahen Osten wurde eine Destabilisierung in dem Sinne, dass der westliche Einfluss deutlich verringert werden würde, einhergehen.

Offensichtlich prallen im Iran und Umgebung die Ziele der USA mit ihren Verbündeten, Russland und China aufeinander. Iran ist dabei ein zentraler Staat, da eine Stärkung seiner Position eine deutlich bipolarere Struktur entstehen lassen würde. Der Zugriff auf die Ressourcen dieser Region ist von zentraler Bedeutung für die zukünftige geopolitische Entwicklung. Fraglich ist, ob mit Sanktionen oder einem Krieg der Bau der iranischen Atombombe verhindert werden könnte. Ebenfalls fraglich bleibt bislang, ob diese Entwicklung überhaupt angestrebt wird. Trotzdem sollten Überlegungen angestellt werden, wie auf eine Machtverschiebung in der Region reagiert werden kann.

von Peter Falke

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